Donnerstag, 3. Juli 2014

Wie Israel den Tod von 3 Jugendlichen ausgenutzt hat

Die Jagd nach den drei vermissten israelischen Jugendlichen endete mit Luftangriffen der Israelischen Air Force (IAF) auf den Gaza-Streifen. Hunderte unschuldige Palästinenser wurden auf dieser Jagd verhaftet, mindestens zehn Menschen (3 Jugendliche, eine schwangere Frau, ein psychisch kranker Mann und 5 erwachsene Männer) wurden von israelischen Soldaten erschossen.

(israelische Luftangriffe auf Gaza am 1. Juli 2014)

Es gibt in der israelischen Armee eine Order die besagt, dass keine eigene Soldaten zurückgelassen werden. Dabei spielt es keine Rolle ob es sich um Tote oder Verwundete, Soldaten oder Zivilisten handelt. Es gibt in der kollektiven Psyche Israels nichts Schlimmeres als ein ungewisses Schicksal eines hinter "den feindlichen Linien" zurückgebliebenen Juden. Auch die Umstände spielen dabei erst einmal keine Rolle. Was zählt ist die Repatriierung dieses Soldaten oder eben wie in diesem Fall der drei Jugendlichen. Und dafür rechtfertigt der Zweck sämtliche Mittel, inklusive der Tötung von hunderten von unschuldigen Menschen. Fragen werden dann erst hinterher gestellt.

Israel reagierte in der Vergangenheit ganz unterschiedlich auf solche Vorfälle, immer abhängig davon wer gerade das Land regierte.
Als 1976 ein Flugzeug der Air France mit über 100 israelischen Passagieren von palästinensischen Terroristen entführt und zur Landung in Entebbe/Uganda gezwungen wurde, entsandte der damalige Ministerpräsident Yitzak Rabin eine Spezialeinheit unter der Leitung von Yonatan Netanyahu, dem Bruder des heutigen Ministerpräsidenten Binyamin Netanyahu und der während der Befreiungsaktion ums Leben kam, die die unschuldigen Passagiere retten sollte.
Einer der berühmtesten Fälle betrifft den Abschuss eines israelischen Kampfjets am 16. Oktober 1986 über Libanon. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Israel im vierten Jahr der Besatzung des Süd-Libanon, und musste an diesem Tag den überraschenden Abschuss eines ihrer Kampfjets registrieren, die ansonsten über nahezu kompletten Handlungsspielraum in der Luft verfügten. Der Pilot wurde gerettet, aber der Navigator, Ron Arad, landete in einem von der schiitischen Partei Amal kontrollierten Gebiet und wurde gefangen genommen. An diesem Tag war noch Shimon Peres Ministerpräsident von Israel, doch bereits vier Tage später wurde er von dem ehemaligen Terroristen Yitzak Shamir abgelöst. Natürlich war der Druck enorm den vermissten Ron Arad zu finden, aber sämtliche Operationen der israelischen Spezialkräfte verliefen im Sand. Es fehlte jegliche Spur von Arad. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Golfkrieg, sowie der internationale Versuch nach dem Golfkrieg einen Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern sowie der arabischen Welt im Allgemeinen in Gang zu setzen, hinderte Shamir wild um sich zu schiessen um die Freilassung von Ron Arad zu erzwingen.

Ganz anders verhielt es sich im Juli 2006, als zwei israelische Soldaten (Udi Goldwasser und Eldad Regev) den von Israel diktierten Grenzverlauf in der Nähe der Hezballah Hochburg von Aitta Shaab kontrollierten, und dabei in einen Hinterhalt gerieten und schliesslich gefangen genommen wurden. Ministerpräsident Ehud Olmert, neben Shimon Peres der einzige Ministerpräsident in Israels Geschichte der nicht vom Militär kam, liess sich von seinen Militärs zu einem brutalen Krieg überreden. Das primäre Ziel war nicht die Befreiung der beiden vermissten Soldaten, sondern die Vernichtung der Hezballah. In Israel wurde aber genau das behauptet. Über 1100 Menschen wurden getötet, hunderttausende Bewohner des Südlibanons wurden zu Flüchtlingen oder verloren ihr ganzes Hab und Gut. Aber erst als die israelischen Bodentruppen in heftigste Kämpfe verwickelt wurden, als es auch auf israelischer Seite zu steigenden Opferzahlen führte und zum ersten Mal Raketen auch in Haifa einschlugen, zeigte sich die Regierung von Ehud Olmert zu Gesprächen bereit.
Was in dem ganzen Drama um diesen "Sommerkrieg" von 2006 zwischen Israel und Hezballah untergegangen ist, ist eine andere Entführung die nur ein paar Tage vor dem Zwischenfall an der libanesisch-israelischen Grenze stattgefunden hat. Die Rede ist von Gilad Shalit, der am 25. Juni 2006 aus seinem Panzer entführt wurde, der sich an der Mauer-Sperranlage am Gaza-Streifen befand. Auch hier fand eine Operation der israelischen Armee statt um Shalit zu finden, auch hier starben wieder unschuldige Zivilisten, jedoch nicht in dem Ausmass wie im Libanon ein paar Tage später. Das sollte sich allerdings im Dezember 2008 ändern, mit Binyamin Netanyahu als Ministerpräsident, der zu einem brutalen Krieg gegen die Hamas ausholte und Israel dabei wie im Libanon zwei Jahre zuvor über 1000 Menschen tötete. Doch Gilad Shavit blieb verschollen. Knappe drei Jahre später kam der israelische Panzerführer dann doch noch im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei.

Als dann letzten Monat diese drei Jugendliche aus einer illegalen Siedlung in der West Bank entführt wurden, blieb Netanyahu seiner Linie treu und startete die Suche nach den Vermissten mit einer kollektiven Bestrafung der ganzen palästinensischen Bevölkerung und insbesondere der Hamas, der ohne jegliche Beweise zu nennen die Schuld zugeschoben wurde.
Doch was niemand in der israelischen Bevölkerung ahnte war die Tatsache, dass die diversen Geheimdienste Israel`s sich sicher waren dass die Jugendlichen bereits tot waren. Wie eigentlich immer in kritischen Situationen in Israel, verpasste die Regierung von Netanyahu den israelischen Medien einen Maulkorb der erst jetzt Stück für Stück abgenommen wird.

Natürlich dienten die Operationen der israelischen Einsatzkräfte der Suche nach den drei entführten Jungs, aber das eigentliche Ziel von Binyamin Netanyahu war es, diese Situation (oder Möglichkeit aus der Sicht von Netanyahu) schamlos auszunutzen um so gegen die erst kürzlich vereidigte Einheitsregierung Palästina`s zwischen Fatah und Hamas vorgehen zu können. Das zeigte sich in der Anschuldigung der Hamas für die Entführung verantwortlich zu sein und der wiederholten Drohung dass "Hamas dafür bezahlen wird", das zeigte sich in den gezielten Schlägen gegen Regierungsmitglieder der Hamas sowie in der Bombardierung des Gaza-Streifens, obwohl der Gaza-Streifen überhaupt nichts mit der Entführung der drei Jugendlichen zu tun hatte.
Wie sich jetzt auch immer mehr herausstellt, wusste die Regierung von Netanyahu (siehe hier und hier) schon seit einigen Tagen dass die Jugendlichen nicht mehr am Leben sind, und dennoch liess er die Bevölkerung in dem Glauben dass die israelische Armee alles tut um sie lebend wieder zurückzubekommen. Doch was Netanyahu wirklich vor hatte, zeigte er am 29. Juni in einer Kabinettserklärung:

"... und wir werden weiterhin unser Möglichstes tun um sie sicher nach Hause zu bringen. Unmittelbar nach der Entführung haben wir gesagt dass Hamas dafür verantwortlich ist. Ich denke dass es jetzt für alle klar ist worauf wir uns bezogen haben (Netanyahu bezieht sich auf einzelne Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen die er im Absatz zuvor erwähnt hat und die nichts mit der Entführung zu tun haben). Abu Mazen (Mahmoud Abbas) sagt dass er gegen Entführungen ist; er sagt dass er weiter den Weg des Friedens gehen will. Wenn er dazu steht was er sagt, dann gibt es nur einen Weg um den Frieden zu fördern - und das ist das Abkommen mit Hamas zu zerreissen."

Ganz nebenbei wurde in dieser Kabinettserklärung erwähnt, dass das Kabinett den Plan von Netanyahu zur "sozio-ökonomischen Entwicklung von Ost-Jerusalem" gebilligt hat. Diese Entwicklung ist aber nicht für die Palästinenser in Ost-Jerusalem gedacht, und noch viel weniger für die Ermöglichung einer Hauptstadt für einen palästinensischen Staat, sondern ausschliesslich für die Entwicklung der jüdischen Siedlungen im Gürtel von Jerusalem.

Einen Tag nach dieser Kabinettserklärung wurden die Jugendlichen in Hebron in der West Bank gefunden. Die Mörder sollen Mitglieder des riesigen Qawasmeh-Klans (ca. 10`000 Angehörige) sein. Allein diese Tatsache reichte für die Regierung von Netanyahu bereits aus, um die Verbindung zur Hamas herzustellen weil gewisse Mitglieder des Klans die Hamas in der Vergangenheit unterstützt haben. Man darf aber nicht vergessen dass die Hamas die Parlamentswahl von 2006 klar und deutlich gewonnen hat, und dass diese Wahl ohne Vorkommnisse, sprich demokratisch abgehalten wurde. Hamas ist also nicht gleichbedeutend mit Terror wie das in unseren Medien vorgetragen wird, und dennoch kann die israelische Regierung diese Karte nach Belieben ziehen solange unsere Medien dieses Bild auch weiterhin zeichnen.
Aber im Gegensatz zur Regierung Netanyahu waren und sind sich die israelischen Geheimdienste alles andere als sicher dass Hamas hinter dieser Entführung und anschliessenden Morden steckt.
Doch der Schaden wurde angerichtet. Eine regelrechte Welle des Hasses und der Ruf nach Vergeltung wurde laut. Schon während der Suche nach den drei entführten Jugendlichen wurde eine Seite auf Facebook veröffentlicht, die den Tod von "jedem Terroristen" forderte (siehe "Kollektive Bestrafung der Palästinenser"). Was aber nach dem Fund der Leichen in Israel geschah, sollte jedem auf der Welt die Augen öffnen.

Noch am Montag wurde eine Facebook Seite mit dem Titel "Das Volk von Israel verlangt Rache" veröffentlicht. In nur zwei Tagen erhielt die Seite über 35`000 Likes und wurde nun aber vom Netz genommen. Nebst tausenden von normalen Bürgern Israels, waren es auch erschreckend viele Soldaten die in den besetzten Gebieten von Palästina stationiert sind die in aller Öffentlichkeit nach Blutrache verlangten oder sonstige rassistische Äusserungen von sich haben. Hier ein kleiner Überblick von diesen Bildern:

"Wir sind auch Kämpfer der Kfir Division - Netzah Yehuda Battailon und unterstützen die Todesstrafe für alle Terroristen die sich in Israel frei bewegen. Wir sind gekommen um Rache zu nehmen!"

"Rache! 97" (97 ist die Netzah Yehuda Einheit in der West Bank)

"Bibi (Netanyahu) das Volk will Rache" (ebenfalls aus der Netzah Yehuda Einheit)

"Das Volk von Israel verlangt Rache"


Uri Bank, ein Mitglied der nationalistisch-religiösen Partei "Die jüdische Heimat", ging auf seiner Facebook Seite sogar soweit und forderte die Annexion von "Judäa und Samaria", die Ermordung sämtlicher "Terroristen" (d.h. Palästinensern) die in Israel wegen Mordes einsitzen und die Vertreibung der Menschen aus dem Gaza-Streifen. 
David Rubin, ehemaliger Bürgermeister der illegalen Siedlung "Shiloh", rief gar zum Massenmord an allen Palästinensern auf:
"Der erste Schritt ist den Feind zu identifizieren. In diesem Fall ist nicht nur Hamas der Feind, welche die Jungs entführt und getötet haben und jahrelang Raketen aus ihren Hochburgen in Gaza auf israelische Städte abgeschossen haben. ... Und ja, der Feind sind auch die Zivilisten die diese zwei Terrororganisationen (damit meint er Hamas und Fatah) an die Macht gewählt haben. Nicht jeder Deutsche war ein aktiver Nazi, so wie nicht jeder Gazaner ein aktives Mitglied von Hamas ist, und nicht jeder arabische Bewohner von Samaria (so wird in Israel nach wie vor versucht eine palästinensische Nation zu leugnen) ist ein aktives Mitglied der Fatah welche Terroristen bezahlt damit sie jüdische Kinder töten.
Dennoch, ein Feind ist ein Feind, und der einzige Weg diesen Krieg zu gewinnen ist den Feind zu zerstören, ohne übertriebene Rücksicht darauf zu nehmen wer ein Soldat und wer ein Zivilist ist. In Dresden, in Berlin, in Nagasaki und in Hiroshima haben Amerikaner und ihre Alliierten die vom Feind kontrollierten Städte massiv bombardiert und hunderttausende feindliche Zivilisten getötet und die feindliche politische Führung dazu gebracht, sich zu ergeben. Der einzige Weg einen Krieg zu gewinnen ist hart, sehr hart zuzuschlagen und die internationale Verurteilung zu ignorieren. ...
Wir Juden werden unsere Bomben immer primär auf militärische Ziele richten, aber es gibt überhaupt keinen Grund sich schuldig zu fühlen wenn "der Alltag von ihnen gestört wird", und feindliche Zivilisten getötet oder verwundet werden. ...
Zerstöre den Feind. Die Zeit zu handeln und entschieden zu handeln ist jetzt."

Noam Perel, Generalsekretär von Bnei Akiva, der grössten religiösen-zionistischen Jugendorganisation der Welt, forderte ebenfalls Rache. "Eine ganze Nation und tausende Jahre von Geschichte fordern Rache" schrieb er auf seiner Facebook Seite. "Diese Schande wird mit dem Blut des Feindes bezahlt, nicht mit unseren Tränen", hiess es dazu weiter. Doch auch diese Meldung wurde in der Zwischenzeit von Facebook gelöscht.


In Jerusalem trieb ein wütender Mob durch die "heiligen" Gassen und schrie "Tod den Arabern" und "wir wollen Rache".


In den israelischen Medien wurde dieser Mob mit diversen Aktionen aus den 1930er Jahren in Nazi-Deutschland verglichen, als Nazibanden auf der Jagd nach Juden die Strassen unsicher machten. 



Der Aufruf nach Rache wurde schliesslich begierig von israelischen Siedlern aufgenommen, die den 16-jährigen Muhammad Hussein Abu Khdeir entführt, ermordet und schliesslich verbrannt haben. 
Und die Reaktion von vielen Israelis dazu auf Facebook? Zustimmung.


Man muss dabei die Reaktion der Familien der drei israelischen getöteten Jugendlichen in Ehren halten, die diesen grausamen Mord aus Rache verurteilen und sogar Ministerpräsident Binyamin Netanyahu beschuldigen, den Tod ihrer geliebten Söhne für seine Zwecke ausgenutzt zu haben.

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